Erzähltes Leben

Das Kännchenwunder

Wenn Kaf­fee­kan­nen reden könn­ten, die­ses Schmuck­stück hätte eini­ges zu erzäh­len. Ihre Mut­ter war eine Wasch­ma­schine, eine Schwes­ter von ihr muss sich im Museum of Modern Art anstar­ren las­sen, und obwohl sie Moka heißt, berei­tet die halbe Welt ihren Espresso mit ihr zu. Unser Autor hat noch ein paar andere, dunkle Geheim­nisse gelüftet

Text: Stuart Freed­man Foto: plain­pic­ture Illus­tra­tion: Effilee
p7630113 Das Kännchenwunder

Die viel­leicht berühm­teste Auf­wach­hilfe der Welt: Wenn die ers­ten Sprit­zer auf dem Herd lan­den, ist der Kaf­fee fertig

Das Mor­gen­ri­tual. Ich höre die Flamme schnur­ren und ein feuch­tes, hei­ßes Stot­tern. Ich stelle das Gas ab und gieße brü­hend hei­ßen schwar­zen Teer in eine gra­zile weiße Tasse. Die Küche füllt sich mit Wärme wie vom Rös­ten: nus­sig und reich­hal­tig. Die Kanne sitzt heiß, keu­chend vor Anstren­gung, auf einem Unter­set­zer. Ein kan­ti­ger, metal­le­ner Zau­be­rer, befleckt mit den Spu­ren unzäh­li­ger Mor­gen. Sie wird unbe­ach­tet bis zum nächs­ten Früh­stück so ste­hen blei­ben.
Die­ses Stück, auf­ge­führt in den Küchen von Mil­lio­nen Haus­hal­ten rund um die Welt ist für viele das Schlüs­sel­er­leb­nis nach dem Auf­wa­chen. Die Bialetti Kaffee­kanne ist als Gegen­stand so ver­traut, so nütz­lich und so all­ge­gen­wär­tig, dass sie, wie so viele schön designte Gegen­stände ein­fach da ist. Wir neh­men sie kaum noch wahr.
Die­ser Kaf­fee­mo­ment wurde gleich­be­deu­tend mit Stil und Gla­mour und ist unver­kenn­bar durch und durch ita­lie­nisch. Mög­lich wurde er, wie es bei allen gro­ßen Erfin­dun­gen ist, durch rei­nes Glück und puren Zufall.
Nach Hein­rich Edu­ard Jacobs weg­wei­sen­der Betrach­tung Sage und Sie­ges­zug des Kaf­fees: die Bio­gra­phie eines welt­wirt­schaft­li­chen Stof­fes (1935) wurde Kaf­fee in sei­nen Anfän­gen gemein­sam und außer­halb der eige­nen vier Wände kon­su­miert. Es war ein öffent­li­ches Ritual, und zwar ein ein­deu­tig männ­li­ches. So wie das Rau­chen wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts die Geschlech­ter trennte, war auch das Kaf­fee­haus kein Ort für Frauen. Es galt als Hort des Rau­sches, des Glücks­spiels, des Las­ters und des Auf­ruhrs. 1674 hieß es in der Women’s Peti­tion Against Cof­fee: »Der Kaf­fee macht die Män­ner so unfrucht­bar wie die Wüste aus der diese unglück­se­lige Beere stammt.«
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